Gottesdienst

Gewissheit, Gemeinschaft, Geheimnis.
Qualitätsdimensionen des Gottesdienstes
Von Christian Binder

Am Ende des Gottesdienstes gibt mir Frau Korn bei der Verabschiedung die Hand, Frau Korn wird demnächst 92 Jahre alt: Herr Pastor, das war so ein schöner Gottesdienst, strahlt mich an und geht aus der Tür. Hinter ihr kommt Kevin, der Konfi. Der sagt nicht, wie ihm der Gottesdienst gefallen hat, aber man kann es ihm am Gesicht ansehen und  sagen wir so: Begeisterung sieht anders aus. Hinter Kevin kommt sein Vater, der ihn heute ausnahmsweise nicht nur vor der Kirche abgesetzt hat, sondern mit reingekommen ist. Der sagt leider auch nicht, wie ihm der Gottesdienst gefallen hat, aber die Erfahrung sagt: Wenn Kevin endlich konfirmiert ist, werde ich ihn hier nicht mehr wiedersehen.
Was ist ein guter Gottesdienst? Anscheinend haben Frau Korn, Kevin und sein Vater jeweils ganz andere Gottesdienste erlebt, obwohl sie zur selben Zeit in derselben Kirche waren. Wie sieht ein Gottesdienst aus, den Frau Korn und Kevin und der Vater von Kevin gut finden? Kann es so einen Gottesdienst überhaupt geben? Was ist ein guter Gottesdienst?
Wer ist denn überhaupt dafür verantwortlich, wie ein Gottesdienst ist? Was darin geschieht und was nicht darin geschieht? Der Pfarrer oder die Pfarrerin? Der Organist? Die Mitwirkenden allgemein? Zu den ehrenamtlichen Mitarbeitenden zählen wir ja eigentlich auch den Heiligen Geist. Denn: „Gottesdienst“ hat ja diese zweifache Richtung: Wir dienen Gott – und Gott dient uns. Wenn der Gottesdienst nicht gut war, ist Gott dann dafür verantwortlich? Zumindest mitverantwortlich? Wenn es so wäre, würden wir es ihm wahrscheinlich genauso wenig sagen, wie wir’s dem Pfarrer sagen. Der Gottesdienst ist ein Ineinander und Miteinander von Gottes Werk und Menschen Werk. Im Gottesdienst spricht Gott zu den Menschen in mit und unter den menschlichen Worten. Das Wort Gottes ward Fleisch – unvermischt, aber auch ungesondert. Oder um es biblisch zu sagen: Wir haben einen Schatz, wir haben ihn aber in irdenen Gefäßen. Wenn wir nach der Qualität im Gottesdienst fragen, dann bewegen wir uns in diesem Spannungsfeld von himmlischem Schatz und irdenen Gefäßen, von Gotteswerk und Menschenwerk. Und wir bewegen uns dabei sehr vorsichtig, denn wenn man irgendwohin kommt und möchte über Qualität sprechen, dann fühlen sich viele Menschen mit ihrer bisherigen Arbeit in Frage gestellt: Ja war ich bisher nicht gut genug, wenn ihr nach Qualität sucht?…

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