Liederkunde

200 Jahre Stille Nacht!
Von Konrad Klek
Vier Töne in charakteristischem Rhythmus – alle Welt im Wortsinn erkennt das sofort: Stille Nacht/Silent Night oder wie sonst es in einer der über 300 (!) Sprachversionen rund um den Globus heißt. Und alle Welt bekommt dabei „religiöse Gefühle“, speziell weihnachtliche. Alle Welt heißt auch alle Konfessionen. Ursprünglich ist es ein katholisches Lied, erstmals erklungen als schlichter dörflicher Zwiegesang von Textdichter-Pfarrer und Lehrer-Organist (an der Gitarre) am 24. Dezember 1818, also vor 200 Jahren, in der Kirche von Oberndorf, etwas Salzach-abwärts von Salzburg. Die Evangelischen haben es sich bald unter den Nagel gerissen. Wichern, Initiator der Inneren Mission, verbreitete es seit 1844 in den Liederbüchern für seine Zöglinge. Wenig später gehörte es – gesellschaftlich völlig polar dazu – zum Weihnachtsritus der preußischen Herrscher im Berliner Dom. Von nun an war Stille Nacht ein Ferment preußischer, nationalprotestantischer Leitkultur! Gleichwohl ist es ein ökumenisches Lied im Wortsinn geblieben, auch darin, dass Vertreter beider Konfessionen ihren Anteil beigetragen haben zur Veränderung der Text- und Melodiefassung.
Die Rezeptionsgeschichte dieses Liedes ist singulär im gesamten Spektrum des geistlichen Liedes. Dazu gehört der Jubiläumskult um das Lied. Vor 100 Jahren fiel die „Säkularfeier“ (zum ersten „Saeculum“) zusammen mit dem Ende des furchtbaren langen Krieges. So konnte das Lied flugs zum „Weltfriedensdenkmal“ erklärt werden. Auch 100 Jahre später ist die Friedensmetapher zugkräftig: „Stille Nacht, heilige Nacht als Friedensbotschaft. Diese Friedensbotschaft steht im Mittelpunkt des Gedenkjahres 2018 und wird sich in zahlreichen Aktivitäten wiederfinden.“ So kündet es die Startseite von www.stillenacht2018.org/, Plattform für die in Salzburg koordinierten Aktionen inclusive großer Landesausstellung an neun österreichischen Standorten.
Wo steckt die „Friedensbotschaft“ im Lied?
Explizit kommt „Friede“ in den drei bekannten Strophen gar nicht vor. Auch beim Engelsgesang in Strophe 2 fehlt „et in terra pax“ – und „Gloria in excelsis Deo“ ist durch Halleluja kaschiert. Sollen wir den Frieden im Sinne (pseudo-) heiler bürgerlicher Intimität aus der vorgestellten Idylle der heiligen Familie nehmen (Str. 1) – oder als Seelenfrieden mit Gott aus der rettenden Stund (Str. 3), die nun geschlagen hat?
Eigentlich hat das Lied eine starke Friedensstrophe, auch wenn „Pax/ peace“ da wörtlich nicht genannt wird. Vor 200 Jahren erklang als Strophe 4:
Stille Nacht! Heil`ge Nacht!
Wo sich heut alle Macht
Väterlicher Liebe ergoss
Und als Bruder Huldvoll umschloss
Jesus die Völker der Welt!
Stark ist dies zunächst im Aussprechen „aller Macht“. Gottes Allmacht geschieht. Sie zeigt sich allerdings als „väterliche Liebe“, infolgedessen Gottes Sohn zum „Bruder“ wird für alle „Völker der Welt“. Jesus integriert so die Menschen aller Völker im Mantel der göttlichen Liebe…

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