Reformation

Die Gegner niedersingen? Juden, Türken und der Papst in Luthers Liedern
Von Bernhard Leube

Kann Singen ein aggressiver Akt sein? Könnte es sein, dass wir bei all den hochfliegenden Beschreibungen, wie wichtig das Singen für den Glauben ist,[1] für die Publikation des Evangeliums und für die geistliche Identitätsbildung eine Dimension, eine Schattenseite konsequent ausblenden? Und wie sieht das bei den Lutherliedern aus? Inwieweit haben sich die klassischen Fronten, an denen Luther gekämpft hat und dann eben auch die Front gegen die Juden, in seinen Liedern niedergeschlagen?

Mein Vortrag hat vier Teile. Ich möchte in einer Einleitung zunächst (1) etwas zur der Kraft des massenhaften Singens generell und seiner Rolle in der Auseinandersetzung mit Gegnern sagen. Dann (2) will ich der Frage nachgehen, wie Juden, Türken und der Papst in Luthers Liedern ausdrücklich vorkommen und also auch heute, wenn wir Lutherlieder singen, von uns beim Singen bezeichnet werden. In einem dritten Teil (3) soll es um einige Lieder Luthers gehen, in denen Juden, Türken und der Papst gemeint sind, ohne dass sie ausdrücklich genannt werden. Schließlich will ich (4) überlegen, wie man heute Luthers Lieder singen kann, ohne wieder in die alten Kämpfe einzusteigen, und ganz zum Ende ein klein wenig über Luther hinausgehen.

1 Die Kraft der singenden Masse

Aus Lemgo wird aus den Anfangsjahren der Reformation berichtet, dass auch hier die Stadtväter nervös wurden, weil ein immer größerer Teil der Bevölkerung diesem Wittenberger Mönch zuneigte. Nach allem was man hörte, wollte es dieser Luther mit der ganzen kirchlichen Obrigkeit, ja sogar mit dem Papst aufnehmen. Der lippische Landesherr wollte aber bei der alten Lehre bleiben, und der Lemgoer Rat auch. Aber nun schien vor allem in den Gottesdiensten einiges drunter und drüber zu gehen, einige versuchten dort sogar, neue Lieder einzuführen, wie man hörte. Wo soll das denn hinführen? Sicher, es konnte nicht alles so bleiben, wie es war, aber die Sache durfte auch nicht aus dem Ruder laufen. Um die Rädelsführer namhaft und dingfest zu machen, schickte der Bürgermeister Conrad Flörke einige Ratsdiener in die Kirchen. Nach geraumer Zeit kamen die wieder zurück ins Rathaus. „Und?“ fragte der Bürgermeister. Die Ratsdiener, so wird berichtet, hätten darauf geantwortet: „O Herr, die singen alle!“ Darauf, so heißt es weiter, habe der Bürgermeister gesagt: „Ei, dann ist alles verloren!“[2] Was die Leute in den Lemgoer Kirchen gesungen haben, wissen wir nicht, allein, dass sie es taten, war ein Akt der Emanzipation, gegen den die Obrigkeit nichts mehr ausrichtete.

[1] Vgl. Bernhard Leube, Was ist geistliches Singen? In: Musik-Horizonte. Festschrift für Siegfried Bauer, hg. von Ingo Bredenbach, Michael Čulo und Bernhard Leube, München 2009, S. 127-135.

[2] Vgl. Karl Meier-Lemgo, Geschichte der Stadt Lemgo, Lemgo 31981, S. 78.

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