Von Claudio Boning
Prolegomenon:
Theologie und ihre eigene Krise Die empirischen Befunde der Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU VI, 2023) – etwa der massive Rückgang religiöser Bindung oder die sinkende Bedeutung kirchlicher Praxis – sind nicht im theologischen Vakuum entstanden. Sie sind auch Frucht einer jahrzehntelangen Theologie, die sich zwar vielfach um gesellschaftliche Anschlussfähigkeit, ethische Kohärenz und moderne Selbstdeutungen bemüht hat. Das ist keineswegs geringzuschätzen. Aber dabei ist oft das Mysterium verloren gegangen, das Unverfügbare wurde rationalisiert.
Diese Auszehrung einer mystagogischen Theologie hat mit dazu beigetragen, dass sich viele Menschen die Frage stellen: Wozu überhaupt Kirche? Wenn Glaube auf Werte, Kirche auf soziale Dienste und Gott auf innere Haltung reduziert wird, bleibt keine geistliche Notwendigkeit mehr. Wer aus dieser Situation heraus erneut mit denselben Mitteln antworten will – z. B. durch stärkere gesellschaftliche Profilierung oder strukturelle Effizienz – verwechselt Therapie mit Ursache. Die Reaktion auf spirituelle Leere kann nicht erneut in einer Verdünnung spiritueller Tiefe bestehen. Stattdessen braucht es eine theologische Erneuerung, die wieder vom Unverfügbaren ausgeht, vom Heiligen, vom Geheimnis Gottes. Religion ist nicht die Folge gesellschaftlicher Bedürfnisse, sondern Ausdruck einer existenziellen Erfahrung des Unverfügbaren. Was wäre, wenn die Kirche nicht zur Agentin gesellschaftlicher Ethik reduziert würde, sondern ein Ort bliebe, an dem Menschen mit einer Wirklichkeit konfrontiert werden, die sie nicht selbst erzeugt haben…