Liebe Leserinnen und Leser,
liebe Kolleginnen und Kollegen!
Etwa ein Vierteljahr hatte das Kirchenvolk Zeit, um das neue Gesangbuch zu erproben und Rückmeldungen abzugeben. Nun ist die Frist vorbei und meine Rückmeldung folgt als Editorial:
Herr bleibe bei uns, denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneiget – mit diesem Kanon beginnt der Liedteil des Erprobungsgesangbuchs, das auch ich in meiner Gottesdienstgemeinde erproben durfte. Man muss gar nicht den Vergleich zur noch aktuellen Nr. 1 Macht hoch die Tür bemühen, um zu sagen:
Verzagter kann ein neues Gesangbuch kaum anfangen. Erprobung, Satire, Realsatire? Oder die unbeabsichtigte Bestätigung genau der Beschreibung kirchlicher Endzeitstimmung, die ich im Editorial des FORUM-Heftes 4.2025 im Bezug auf die Notwendigkeit eines neuen Gesangbuches versucht habe? Wie wäre es denn z. B. mit Vom Aufgang der Sonne als Einstiegslied?
Ohnehin ist der Begriff „Erprobung“ eigentlich ein Euphemismus. Anders als beim aktuellen Gesangbuch, dessen Erprobungsausgabe seinerzeit mehr oder weniger alle erwartbaren Lieder enthielt, enthält das aktuelle Erprobungsgesangbuch mit 110 Liedern nur rund 1/5 der geplanten Lieder. Aber was soll man beim Gesangbuch erproben, wenn nicht zu allererst die enthaltenen Lieder? Ok, das Design (gefällt mir) oder die Aufteilung (finde ich nachvollziehbar), das Druckbild (sofern es so bleibt) oder wie man als Organist drei- oder vierseitige Lieder beim Begleiten blättern soll (indiskutabel). Vor allem aber möchte man doch die Lieder kennenlernen, erproben und für gut, schlecht, machbar oder unbrauchbar befinden.
Das war mit dem Erprobungsgesangbuch leider kaum möglich, denn 4/5 (!) des Endprodukts bleiben ein Geheimnis und von den 110 enthaltenen Liedern sind fast die Hälfte Advents- und Weihnachtslieder. Dass es für die Advents- und erst recht für die Heilig-Abend-Gemeinde zu wenig Bücher gab, soll hier nicht weiter problematisiert werden. Sehr wohl jedoch die Tatsache, dass der EG-Entwurf schon zur Jahreswende zum gottesdienstlichen Beiheft degradiert wurde, da die entsprechenden Lieder ebenso fehlen wie Epiphanias- oder gar Passionslieder (die hätten mich wirklich interessiert). Wer in diesen liturgisch eigentlich klar geprägten zweiten und dritten Dritteln der Erprobungszeit entsprechende Lieder singen wollte, ging mit dem Entwurf leer aus.
Sei’s drum! Äußere ich mich also zu dem Fünftel, zu dem ich überhaupt etwas sagen kann. Beginnen wir harmlos mit der Tonartenfrage. „Bei der Entscheidung über die Tonhöhe war für eine divers besetzte (Kinderchorarbeit, Bläserarbeit, Orgelmusik, Popularmusik, Chorarbeit) Arbeitsgruppe der Gesangbuchkommission eine breite Singbarkeit der Lieder im gottesdienstlichen Rahmen das zentrale Kriterium. Weitere Kriterien waren unter anderem die Vermeidung von Tonarten mit zu vielen Vorzeichen, welche schwerer zu begleiten sind, sowie eine möglichst hohe Kompatibilität zu den in der Bläserarbeit gängigen Tonarten“, heißt es auf der EKD-Seite zum Erprobungsgesangbuch.
Ein wunderbares Beispiel für den Satz „Wir haben kein Erkenntnisproblem, wir haben ein Umsetzungsproblem“. Denn etliche Lieder tauchen nun in geradezu bläserfeindlichen (Die Nacht ist vorgedrungen – in h, beginnt mit fis’) oder unorganistischen Tonarten mit deutlich mehr Vorzeichen als bisher auf. Das Argument, man könne in der Praxis statt auf die Papierausgabe auch auf die Internet-Version (die übrigens in meiner Region niemand genutzt hat) mit weniger Vorzeichen zurückgreifen, lässt sich auch umkehren: In der Papierversion bleibt es bei den bisherigen Tonarten und wer tiefer singen oder spielen möchte, kann die Internet-Tools nutzen. Gerade in diesem Punkt hätte man sehr gerne auch entsprechende Rückmeldungen zu den verbleibenden 4/5 der Lieder gegeben, zumal die Transposition im Entwurf ähnlich inkonsequent ist wie im aktuellen Gotteslob.
Richtig problematisch finde ich etliche der neuen Lieder. Nicht aus Geschmacksgründen, da will ich mir hier kein Urteil erlauben, sondern weil sie weit an der kirchenmusikalischen Praxis der meisten Sonntags-Gemeinden vorbeigehen. Das betrifft sowohl den Gemeindegesang als auch und insbesondere die Begleitpraxis. Die meisten D- und C-Organisten (ca. 350 habe ich in meiner bisherigen Berufslaufbahn ausgebildet), die meisten „klassischen“ Kirchenchöre und die meisten Posaunenchöre werden Lieder, die über vier Seiten hinweg fast nur aus mühsam zu lesenden Synkopen bestehen, kaum je begleiten können. Unangenehm, wenn der oder die für die Liturgie Verantwortliche diese Lieder (die er oder sie oft selbst nicht singen kann „… aber es ist so ein schöner Text …“) für den Gottesdienst auswählt und zu Recht erwartet, dass sie angemessen begleitet werden.
Andere Baustelle: Die Psalmen. Das Vorwort mit dem Hinweis auf die unterschiedlichen Gestaltungsmöglichkeiten ist gut und wichtig. Auch, dass diese vorgestellt werden. Ob es im Endprodukt dann auch so ein Durcheinander zwischen gesprochen, mit und ohne Antiphon, ein- oder mehrstimmig gesungen, in leichter Sprache etc. pp. geben wird, weiß ich nicht. Aber entweder muss jeder Psalm in jeder Version, also mehrfach, abgedruckt werden oder es entsteht ein völliger liturgischer Wirrwarr, bei dem der eine Psalm gesprochen und in der nächsten Woche ein anderer gesungen werden muss – je nach Vorgabe des EG-neu.
Nach dem Entwurf stellt sich mir die im oben erwähnten Editorial gestellte Frage noch viel drängender: Welchen Sinn hat ein neues Gesangbuch, wenn vollkommen klar ist, dass ein nennenswerter Anteil dessen (wie nennenswert er ist, kann ich ja angesichts der 4/5-Blackbox gar nicht sagen) in den meisten Gemeinden nicht gesungen werden wird – entweder, weil es zu „modern“ (wie „modern“ die aktuellen Lieder in fünf oder gar zehn Jahren sein werden, sei dahingestellt) oder, weil es zu alt ist.
Selbst bei einem der altbekannten Lieder, Macht hoch die Tür, in neuer Schreibweise entsteht der Eindruck, dass hier gemeindliche Praxis auf dem Altar irgendeiner Wissenschaftlichkeit geopfert wird. Welcher nicht musikwissenschaftlich gebildete EG-Nutzer wird ein im 3/2 notiertes Notenbild als „schwungvoller“ (Originalzitat aus dem Probe-Beiheft) empfinden als den bisherigen 6/4-Takt?
Mit welch heißer Nadel das sog. Generationenprojekt gestrickt wurde, kann man nicht nur daran erkennen, dass die meisten Nummern der „Liederliste des Erprobungsbandes“ auf der erwähnten EKD-Seite nicht mit denen der Druckversion übereinstimmen (festgestellt, nachdem sich die an Hand der elektronischen Liederliste ausgewählten Liednummern an der sonntäglichen Liedertafel allesamt als „falsch“, weil mit der Druckversion inkompatibel, herausstellten).
Auch die Tatsache, dass (Ende Februar) die 440 weitere Lieder enthaltende vorläufige Liederliste immer noch nicht veröffentlicht wurde, das Ende der „Erprobung“ aber kurz bevor steht, macht deutlich, unter welchem Zeitdruck das Projekt im Moment steht. Gleichzeitig sieht sich der EPiD genötigt, angesichts des angedrohten Veröffentlichungstermins Kompositionsaufträge für Lieder zu erteilen, bei denen weder klar ist, ob und in welcher Tonart oder rhythmischen Form sie letztlich im EG stehen werden.
Tatsächlich möchte man den Verantwortlichen zurufen: „Haltet ein!“. Es gibt keinen zwingenden Grund, das EG-neu Ende 2028 einzuführen. Wenn schon der Begriff des Generationenprojektes bemüht wird, sollte das kostbare bzw. teure Endergebnis bitte wirklich zu Ende gedacht sein – und das bezieht auch und gerade die Begleitmaterialien ein, die seriös erst entwickelt werden können, wenn eine Erprobungsphase und ihre Evaluation (wenn diese denn wirklich als solche ernst gemeint ist) abgeschlossen sind.
Abgesehen davon – ein kleiner Zynismus zum Schluss: In Zeiten anhaltender Kirchenaustritte kann die Auflagenzahl mit jedem Jahr des Entwickelns um ein paar Hunderttausend Exemplare reduziert werden. Vielleicht wäre am Ende sogar noch etwas Geld für die Kirchenmusikhochschulen übrig …
Im Versuch fröhlich zu bleiben, grüße ich Sie herzlich
Ihr
Carsten Klomp