Auf dem Weg zu einem neuen Gesangbuch

Was singen wir morgen?
Das Liederbuch freitöne als Wegmarke zu einem neuen Evangelischen Gesangbuch
Von Thies Gundlach
(Vortrag auf der ersten Konsultationstagung der EKD „Was singen wir morgen“ vom
31.10. – 2.11.2018 in Hildesheim zu einem neuen Gesangbuch).

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Schwestern und Brüder!
Ich freue mich, dass Sie alle zur ersten Konsultationstagung der EKD gekommen sind, um gemeinsam zu bedenken, wie ein neues EG aussehen könnte. Dass die EKD – also die Gemeinschaft der Gliedkirchen – ein solches Unternehmen ansetzt, ist eine bemerkenswerte Entscheidung, die sich einerseits natürlich den vorausgehenden Umfragen und Analysen verdankt, die aber auch die Konsequenz einer Gemeinschaft spiegelt, die sich mit dem jetzt erreichten Stand des Verbindungsmodells solche Prozesse auch zutraut. Besonders die Erfahrungen, die wir als EKD, UEK und VELKD zusammen mit der Liturgischen Konferenz bei der Erneuerung der Perikopenordnung gemacht haben, ermutigen uns, solch einen Mammutprozess anzuschieben.
Und man wird dies sagen dürfen: Die Erneuerung des Gesangbuches ist nur vergleichbar mit der Revision der Lutherbibel, die auch nicht weniger als 10 Jahre brauchte und die sehr viele Menschen in hohem Maße beanspruchte: Kleiner wird dieses Projekt auch nicht. Vor allem aber: Die Revision des Gesangbuches ist eine Operation am offenen Herzen der Frömmigkeit: Veränderungen am Gesangbuch, Wegfall von Liedern, Neugestaltung von Strophen und Tonhöhen … , das alles sind – wie Veränderungen am Bibelwortlaut – auch existentielle Eingriffe. Jeder von uns hat ja vermutlich einen anderen Umgang mit dem EG, jeder hat seine Lieblingslieder, es gibt Gemeinschaftsschlager und verschüttete Perlen des Gesanges, die man alle paar Jahre durch Zufall wiederentdeckt. Aber vor allem gibt es Herzensklang und Seelensound, geronnene Frömmigkeit, die zu modifizieren mehr als nur die Lust zum Aufbruch braucht. Ich nenne ein persönliches Beispiel: EG 83, 5 – 6: „Ich will von deiner Lieblichkeit / bei Nacht und Tage singen, / mich selbst auch dir nach Möglichkeit / zum Freudenopfer bringen: / Mein Bach des Lebens soll sich dir / und deinem Namen für und für / in Dankbarkeit ergießen; / und was du mir zugut getan, / das will ich stets, so tief ich kann, / in mein Gedächtnis schließen. // Das soll und will ich mir zunutz / zu allen Zeiten machen; / im Streite soll es sein mein Schutz, / in Traurigkeit mein Lachen, / in Fröhlichkeit mein Saitenspiel; / und wenn mir nichts mehr schmecken will, / soll mich dies Manna speisen; / im Durst soll’s sein mein Wasserquell, / in Einsamkeit mein Sprachgesell / zu Haus und auch auf Reisen.“
Nein, ich vermute schon, dass die wenigsten Außenstehenden verstehen, was da gemeint ist, was Lindigkeit verheißt, was Sprachgesell sein könnte. Aussortieren des fremd Gewordenen allein ist aber noch kein Konzept, die fremden Liedstrophen transportieren eine Theologie, die wir zwar veraltet finden können, aber nicht gleich zur Seite schieben sollten…

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