Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,
liebe Kolleginnen und Kollegen!
Dies Editorial entsteht Ende März, am Beginn der Karwoche 2026, die, wie in jedem Jahr, mit zahlreichen Proben, Gottesdiensten und einer Passionsmusik am Karfreitag gut gefüllt ist.
Vor ein paar Tagen wurde auf allen möglichen Medienkanälen die Zahl der Kirchenaustritte des letzten Jahres verbreitet. Vor einigen FORUM-Ausgaben hatte ich mal in einem Editorial geunkt, dass die Evangelische Kirche bei der damals aktuellen jährlichen Mitgliederzahl-Schrumpfung von 2 % nach 50 Jahren sozusagen verschwunden sein würde. Anlass war die damalige Nachricht, dass es nun weniger Christen als Nicht-Christen in Deutschland gebe. Irgendwie hatte man (hatte ich?) die Hoffnung, dass die Austrittszahlen sich stabilisieren würden, womöglich sogar wieder sinken könnten. – Tatsächlich sind sie inzwischen weiter gestiegen und wir, beide Konfessionen, sind im vergangenen Jahr um mehr als 3 % (!) weniger geworden. Das in der Tagesschau gezeigte Kuchendiagramm der Bevölkerung in Deutschland zeigte nicht mehr eine ganz leicht reduzierte Christen-Halbtorte, sondern eine Torte, bei der der nicht-christliche Bevölkerungsanteil deutlich größer ist als der christliche. Das Christen-Tortenstück hingegen war deutlich sichtbar angefressen. Und das nach nur wenigen Jahren.

Und auch wenn es sich dabei um statistische Zahlen handelt, lassen sie einen als kirchlichen Mitarbeiter nicht kalt. Erst recht nicht, wenn man erlebt, mit wie viel Engagement die Kolleginnen und Kollegen vor Ort bei der Sache sind und wie positiv die Resonanz auf allen Ebenen ist, sei es auf Ebene der persönlichen Gespräche, der der Besuchszahlen oder bei der Wahrnehmung in der örtlichen und regionalen Presse. Da macht es einen schon ratlos und auch ein bisschen wütend, wenn der Postbote regelmäßig neue Briefe vom Standesamt mit den aktuellen Austritten bringt. Woran liegt es? Was können wir noch tun? Nun: liegen könnte es z. B. auch an Presseberichten wie dem, den man am 19.03. in den Kindernachrichten logo! sehen konnte. Dieser Link führt direkt zum entsprechenden File in der zdf-Mediathek – hier ist es gleich der zweite Beitrag: Er handelt vom Ende des Ramadan und dem (im März) bevorstehenden Zuckerfest. Gezeigt werden fröhliche Menschen, die gemeinsam essen, feiern, sich wunderschöne Henna-Zeichnungen auf die Hände und Arme zeichnen. Ein positives Bild eines lebendigen Islam, über das ich mich auch als Christ freuen kann.

Der nachfolgende Beitrag wird mit den Worten „Wir bleiben beim Thema Religion“ anmoderiert. Es geht um die an dem Tag veröffentlichten Kirchenaustrittszahlen – und um die Gründe für einen Kirchenaustritt.
Und dann geht’s los: Illustriert von finsteren Bildern wird beschrieben, dass „die Kirche“ (welche war es noch mal?) den Menschen im Mittelalter Angst vor der Hölle gemacht habe, um sich zugleich durch den Kauf von Ablassbriefen massiv zu bereichern. Glücklicherweise seien aber dann intelligente Menschen (gemeint waren nicht die Reformatoren) dahinter gekommen, dass die Kirche häufig im Unrecht sei. Die Wissenschaft wurde geboren. Sprung in die Neuzeit, in der „die Kirche schreckliche Verbrechen an Kindern“ begangen habe (was leider stimmt) und deswegen und weil die Kirche so unmodern sei, träten die Leute heutzutage aus der Kirche aus.
Das ist schon eine wirklich bemerkenswerte Gegenüberstellung zweier großer Religionsgemeinschaften, wobei die Redaktion natürlich behauptet, dass diese in dieser womöglich wertenden Form keinesfalls so beabsichtigt gewesen sei. Abmoderiert jedenfalls wird der Beitrag mit den Worten „Mehr zu diesen Verbrechen an Kindern könnt ihr auf logo-de nachlesen.“ Nachdem mir in einer anderen ZDF-Sendung gezeigt wurde, wie einfach es sei, aus der Kirche auszutreten, erlaube ich mir, an dieser Stelle den genauen Weg zu einer „Förmlichen Programmbeschwerde“ zu beschreiben. Geht ganz einfach und dauert keine zehn Minuten (ich hab’s gerade gemacht): Geben Sie in ihrer Suchmaschine den Begriff „Förmliche Programmbeschwerde ZDF“ ein – und schon kommen Sie an die entsprechende Seite. Kann ich nur empfehlen …
Falls Sie bei dieser Gelegenheit irgendwo den Hinweis finden, in welchem Standesamt man aus ARD und ZDF austreten kann, lassen Sie es mich bitte unbedingt wissen.
Bleiben Sie fröhlich – man kann auch lächelnd jemandem die Zähne zeigen.
Ihr
Carsten Klomp

Kleiner Nachtrag: Inzwischen (Osterwoche) habe ich von der Fernsehratsvorsitzenden Gerda Hasselfeldt die Mail bekommen, dass so viele förmliche Programmbeschwerden gegen diese Sendung vorliegen, dass man alle zu einer „Leitbeschwerde“ zusammenfasst, mit der sich der Fernsehrat dann befasst.
Trotzdem sollte man sich mit einer solchen Beschwerde nicht zurückhalten, einfach um zu zeigen, dass wir zwar inzwischen eine Minderheit, aber noch nicht marginal sind.