Geschichte der Kantorei vom 16. bis 18. Jahrhundert

Von Martin Blindow

Der Name für den an einer Kirche amtierenden Chor ist im Laufe der Geschichte immer
geändert worden, um sich von vermeintlich überwundenen musikalischen Stilen und Organisationsformen abzugrenzen und zu unterscheiden, denn jede Generation war vom Fortschrittsgedanken besessen und getrieben.
Wenn sich Funktionen und Aufgaben änderten, hatte das in den politischen, den gesellschaftlichen, den theologischen und den musikalisch-ästhetischen Abhängigkeiten und Bedingungen seine Gründe. Deshalb muss man besonders die Entwicklung des evangelischen Kirchenchores im historischen, sozialen und kirchengeschichtlichen Kontext sehen und verstehen lernen.

Mittelalter
Bis zur Reformation versorgten die Dom- und Klosterschulen und fürstlichen Kapellen das reiche gottesdienstliche Leben mit einstimmiger Gregorianik und mehrstimmigen, polyphon kunstvoll gearbeiteten Kompositionen. Die meist kleinen Ensembles mit Sängern und Instrumentalisten, mit Geistlichen und Knaben, die ihren Platz im Chor der Kirche hatten, führten verschiedene Namen: Kalandbrüder, Stabulisten, in Münster Kamerale, Hofkapelle und natürlich Kantorei.

Reformationszeit
Viele Reformatoren, unter ihnen auch Luther, erhielten in diesen Schulchören eine gründliche theoretische und praktische Musikausbildung und sorgten in den lutherischen Gebieten schon in den ersten Jahren der Reformation für einen fast nahtlosen Übergang, sieht man davon ab, dass mit der Einführung des deutschen Liedes in die Gottesdienste – ein für die Entwicklung der protestantischen Kirchenmusik folgenreicher Schritt – den Kantoreien eine neue und wichtige Aufgabe gestellt war…