Gottesdienst

Die Wirkung gottesdienstlicher Musik

Ein Leitfaden für die Vor- und Nachbereitung des Gottesdienstes
Von Jochen Kaiser

Der letzte Artikel der kleinen Serie über die Qualität gottesdienstlicher Musik nimmt das Modell der Wirkfelder auf. Schaute das Modell nach Donabedian eher aus Sicht der Agierenden im Gottesdienst und das Kano-Modell aus Sicht der Rezipierenden, werden im Modell der Wirkfelder beide Blickrichtungen aufgenommen.Die „Wirkfelder des Gottesdienstes“ haben zum Ziel, die Erwartungen der Gottesdienstteilnehmenden und die beabsichtigten Wirkungen der Gottesdienstgestaltenden miteinander in Verbindung zu bringen. Die Teilnehmenden sollen eine Sprache finden, um ihre Erwartungen und Bedürfnisse auszudrücken. Die Gestaltenden sollen lernen, in Planung und Analyse die Wirkungen der Worte und Lieder, der Predigt und Orgelmusik, der Gebete und Psalmgesänge einschätzen zu können. Das Modell der Wirkfelder ist so angelegt, dass es kaum möglich ist, die Musik allein zu betrachten, denn es geht um den ganzen Gottesdienst, um Wort, Verkündigung, Bewegung, Feier, Musik, Singen, Gebet, Abendmahl und wie alles gemeinsam, amalgiert seine geistbeseelte Wirkung entfaltet. Das ist also gleichzeitig eine Aufforderung zu einer intensiven Zusammenarbeit mit den Pfarrer/innen. Die Quellen aus denen das Modell entstand, sind vielfältig: Milieu- und Lebensstilstudien, kirchen- und religionssoziologische Untersuchungen sowie theologische Arbeiten zu neueren Gottesdienstkonzepten, die ästhetische und performative Aspekte aufnehmen. An dieser Stelle seien drei Begriffe erklärt, die für das Modell zentral sind und neue Aspekte in die Diskussion von Liturgie und Lebensstilen einführen:

  • „Verfasstheit“, weil damit eine ungewohnte Perspektive auf die „individualisierte“ Gesellschaft gewagt und der gängige Blick auf die Milieus einer Gesellschaft geweitet wird. Im Marketing gibt es seit einigen Jahren den Versuch, Werbung für bestimmte Produkte nicht mehr auf Zielgruppen auszurichten, die sich durch Geschlecht, Alter, Bildung, Einkommen und kulturelle Präferenzen definieren, sondern auf bestimmte Stimmungen abzuheben, die milieuübergreifend sind. Im Hintergrund steht die Idee des hybriden Kunden, der nicht einfach mehr nach relativ feststehenden Parametern beurteilt werden kann, sondern dessen Verhalten inkonsistent ist, der die Kriterien für sein Handeln rasch und einfach ändert und sich von seinen momentanen Stimmungen leiten lässt.

Eine freie Übertragung des Verfassungsmarketing auf den Gottesdienst könnte lauten: Der Gottesdienst ist ein Geschehen, dass geprägt durch den Raum, die Anwesenden, die Lieder, Gebete, Texte und Predigt ein (psychisches) Kräftefeld ist, dass auf die Teilnehmenden wirkt. Gegenüber der milieugeprägten Erwartung ist dieses konkrete Geschehen, wenn es entsprechend gestaltet wird, wirksamer und stärker und kann so Menschen aus verschiedenen Milieus und Zielgruppen zum gemeinsamen Glaubensausdruck, zu Lob und Klage vor Gott, zum Hören auf das Wort Gottes verbinden. Am Ende des Gottesdienstes „löst“ sich das Kräftefeld auf und muss für einen folgenden Gottesdienst wieder neu entwickelt werden.[2] Das Kräftefeld des Gottesdienstes wird in den „Wirkfeldern des Gottesdienstes“ genauer beschrieben. Die Gottesdienstteilnehmenden sind in bestimmten Verfasstheiten und der Gottesdienst will sie anregen, sich in bestimmte Verfasstheiten versetzen zu lassen.

  • Erleben/Erfahrung als jeweils aktueller Zustand, in das Geschehen eines Gottesdienstes eingebunden zu sein. Erleben/Erfahrung wird im Verfassungsmarketing, wie oben erwähnt als neue Strategie verwendet. Es wird damit ein flüchtiges Geschehen benannt, das den ganzen Menschen – mit Körper, Seele und Geist, also emotional und kognitiv – einbindet. Erleben ist das aktuelle Zusammentreffen von einem (oder mehreren) sinnlich wahrnehmenden Subjekt(en) und seiner (ihrer) Umwelt, also hier ein Zusammentreffen mit dem Gottesdienstraum, den anderen Teilnehmenden des Gottesdienstes, der Musik, den Texten etc. Um das Erleben fassen zu können, wird eine Einstellung eingenommen, die über das Erlebte (nachträglich) reflektiert und es so zu einer Erfahrung umwandelt, es dadurch erinnerbar hält und ihm Bedeutung verleiht. Der Wechsel zwischen dem Erleben und dem bedeutungsverleihenden Nachdenken kann innerhalb von Sekundenbruchteilen – hin und her – geschehen.
  • Atmosphäre bezeichnet das Zusammenspiel zwischen (äußerer) Umwelt und (innerem) subjektivem Zustand, zwischen umgebenden Kontexten und dem Erlebenden. Aus phänomenologischer Sicht verortet Gernot Böhme Atmosphären in der „Beziehung von Umgebungsqualitäten und menschlichem Befinden. […] Dieses Und, dieses zwischen beidem, dasjenige, wodurch Umgebungsqualitäten und Befinden aufeinander bezogen sind, das sind die Atmosphären…

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