Qualität im Gottesdienst

Musik im Gottesdienst – Qualitätsdimensionen
Von Jochen Kaiser

„Soeben komme ich aus der Planungssitzung für die Gottesdienste des nächsten Halbjahres. Das Gespräch zwischen mir, dem Kirchenmusiker und der Pfarrerin sind von Wertschätzung getragen und eigentlich verstehen wir uns gut. Aber über einige Punkte muss ich nun ernsthaft nachdenken. Die Pfarrerin schlug vor, dass wir die Musik in den Gottesdiensten stilistisch erweitern. Sie wünscht sich, dass wir einmal im Monat einen Worship-Teil haben, ebenso einen Schwerpunkt auf NGL und auf Gospel. Die Musik käme bei vielen Gottesdienstteilnehmenden zu elitär, zu künstlich an und wir bräuchten mehr partizipative Elemente beim Singen. Ich hatte betont, dass ich lieber qualitativ gute Musik bevorzugen würde, aber konnte sie mit dem Verweis auf Bach, Reger, Distler und Schütz nicht überzeugen. Was war in unserem Gespräch schief gelaufen?“ „Qualität“ – ein zentrales Stichwort in den uns allen bekannten Diskussion um die richtige Musik in den Gottesdiensten und vielleicht überhaupt der Kirche. Qualität wird dann von uns Musikern als Ausdruck von hoher Wertigkeit benutzt und soll die Musik vor allzu banalen Klängen und Rhythmen schützen.
Doch, eine erste These: Qualität an sich gibt es nicht.
Um wirklich sachlich über die richtige Musik sprechen zu können, müssen wir zuerst klären, was wir mit dem Wort „Qualität“ meinen. Gute oder schlechte Qualität orientiert sich immer an Kriterien, die festgelegt worden sind, beispielsweise der ISO-Norm, die verschiedene Masse festlegt, die eingehalten werden sollen, damit die Qualität „stimmt“. Damit schlage ich vor, dass die Definition aus dem Qualitätsmanagement aufgenommen wird. Die Kriterien für die Musik im Gottesdienst werden gemeinsam festgelegt, sie existieren nicht normativ (werden von der Kirche festgelegt oder sind in der Bibel zu finden) und sie können auch nicht historisch anhand bestimmter „Reverenz-Kompositionen“, beispielsweise J.S.Bach objektiv festgelegt werden. Kriterien sind verhandelbar und können an verschiedenen Orten, Anlässen, Zeitpunkten, Zielgruppen etc. unterschiedlich, ja sogar widersprüchlich ausfallen. Es sollten Kriterien sein, die „messbar“ sind, auch wenn hier im Bereich der Musik leicht Grenzen erreicht werden. Es geht dann nicht nur um künstlerische Kriterien, die wir in unserer Ausbildung anwendeten, sondern um Kriterien, die das Thema, den Ort, die Mitwirkenden (auch ihre Ausbildung), die Teilnehmenden, die gesellschaftlichen und kirchlichen Voraussetzungen für konkrete Gottesdienste und ihre Orte beachten.

Qualitätsdimensionen der Musik (Modell Donabedian)
In den Anfängen des Qualitätsmanagements entwickelte Avedis Donabedian drei Ebenen für die Qualität: die Struktur-, die Prozess- und die Ergebnisqualität. Später wurde dieser Trias noch die Konzeptqualität vorangestellt, die das Wesens der gottesdienstlichen Musik anspricht, also eine musiktheologische Ebene aufnimmt.

Konzeptqualität: Die Musik des Gottesdienstes soll die Gewissheit der Liebe Gottes ausdrücken, wenn beispielsweise der Einzelne sich in den erklingenden Harmonien wohl- und geborgen fühlt.

Im gemeinsamen Singen soll die Gemeinschaft der Hoffnung erklingen und die Musik soll das Geheimnis des Glaubens erahnen lassen, die in mystischen Orgelklängen aufscheinen können.

Strukturqualität: Ist die Konzeptqualität noch recht allgemein, führt die Strukturqualität in einen konkreten Kirchenraum, in dem eine Gemeinde gerade jetzt gemeinsam feiert. Auf dieser Ebene werden die Rahmenbedingungen untersucht, die nur teilweise durch die Akteure im Gottesdienst beeinflusst werden können, die aber trotzdem erhebliche Auswirkungen auf die Qualität haben. Der Kirchenraum: Einer Band in einer romanischen Kirche sind andere Grenzen gesetzt als in einem modernen Gemeindezentrum. Eine kleine Orgel mit zehn Registern hat eine andere Wirkung als eine große Orgel mit französischen Zungenregistern. Ereignisse in der Gesellschaft: Wenn Fußballweltmeisterschaft ist und zeitgleich eine Geistliche Abendmusik stattfinden soll, wird diese nur im kleinen Kreis stattfinden. In diese Ebene gehören auch die Qualifikationen der Agierenden: Eine Kirchenmusikerin, die ein Studium absolviert hat, hat andere Fähigkeiten erworben als ein Kirchenmusiker, der nebenberuflich ausgebildet wurde…

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