Von Konrad Klek
Das letzte Jubiläumsjahr zum 400. Geburtstag von Paul Gerhardt 2007 ist noch nicht so lange her. Damals wurde kräftig getrommelt, viel publiziert und viel gesungen. Jetzt ist des 350. Todestages (27.05.1676) zu gedenken. Für breite kirchliche Kampagnen dazu gibt es keine Ressourcen mehr. Immerhin hat die VELKD einen gut dotierten Melodienwettbewerb ausgelobt. Der Buch- wie Notenmarkt ist ziemlich zurückhaltend, greift teilweise auf Editionen von 2007 zurück. Nüchternheit schadet ja durchaus nicht, gerade auch beim Blick auf Leben und Werk des als Person gerne gehypten barocken Liederdichters.
1. Hatte Paul Gerhardt ein schweres Leben?
Oft kann man lesen, dass Gerhardts bis heute so geschätzte „Kreuz- und Trostlieder“ ein besonders schweres persönliches Geschick als Hintergrund hätten und darum so überzeugend seien. Jüngst hieß es in Gottesdienst und Kirchenmusik: „Die Stärke der Lieder liegt in der Schwäche des Dichters, der Krieg, Krankheit und den Verlust von Amt und Familie erleiden musste. Seine Lieder entstanden im tiefen Tal der Tränen …“1 Was ist wirklich dran an dem „tiefen Tal der Tränen“? Paul Gerhardt wurde als 14-Jähriger Vollwaise, konnte aber die für ihn kostenpflichtige, elitäre Fürstenschule Grimma besuchen. Demzufolge war ein nicht unerhebliches Familienvermögen vorhanden. Danach konnte er sich in Wittenberg die Existenz eines Langzeitstudenten über mehr als zehn Jahre leisten, unterfüttert mit bescheidener Hauslehrertätigkeit beim Stadtpfarrer, die nur freie Kost und Logis eintrug. Auch in Berlin ging es in dieser Struktur weiter, ehe er dann erst 44-jährig in Mittenwalde seine erste Pfarrstelle antrat…