Kirchenlied

Suche „Geh aus, mein Herz“ – finde Neues zu „Stille Nacht!“
Von Konrad Klek

Bei der Recherche nach einem Scan der Erstzuweisung der heutigen Melodie zu Paul Gerhardts Sommergesang (EG 503) kam Theomele. Eine Sammlung auserlesener christlicher Lieder und Gesänge aus dem Jahr 1836 auf den Bildschirm, eine Art Klavier-Liederbuch mit einem bunten Mix aus Arien (z.B. aus Händels Oratorien) und Liedern. Da steht unter Nr. 47 das Frühlingslied Die Luft ist blau von L. Hölty mit der Harder-Melodie. Im umfänglichen Text-Liederbuch Zugabe zur Theomele ist als Nr. 85 Sommerlied Gerhardts Geh aus, mein Herz (Str. 1-11) mit Verweis auf diese Melodie abgedruckt. Zuvor steht der Text jenes Frühlingslieds (Nr. 83) und ein Winterlied von J.G. von Salis-Seewies (Nr. 84), welche beide identischen Strophenbau haben. Da diese beiden Lieder nur fünfzeilig sind, kam Herausgeber Friedrich Hermann Eickhoff (1807-1886) auf die Idee, die vierte Zeile zu wiederholen, um die Melodie für das sechszeilige Gerhardt-Lied passend zu machen, und es wurde mit dieser Naturlieder-Melodie zum volkstümlichen „Sommerlied“.
Beim Durchscrollen von Theomele – der eigentümliche, gräzistisch angehauchte Titel heißt „Gotteslieder“ – stößt man unter Nr. 30 auf Stille Nacht mit der Überschrift „Die heilige Nacht“, und zwar textlich wie melodisch in genau der Fassung, die bis heute kirchlich approbiert ist, aber von der Leipziger Erstveröffentlichung (wohl 1833) als „ächtes Tyroler Volkslied“ abweicht: keine Tiroler Schleifer bei „alles schläft, einsam wacht“ und „Christ, der Retter ist da“ (statt „Jesus“). Das ist insofern eine Neuentdeckung, als bisher Stand der Wissenschaft war (Wolfgang Herbst, 2002), Joh. Hinrich Wichern (1808-1881) habe 1844 für UnsereLieder, das Liederbuch des Rauhen Hauses in Hamburg, diese evangelisch domestizierte Fassung bewerkstelligt. Im Vorwort nennt Wichern da unter den zahlreichen Quellen für seine Liedersammlung tatsächlich auch Theomele. Offensichtlich hat er Stille Nacht hier abgeschrieben, dem Lied aber die eigene Überschrift „Freude am Christkind“ gegeben. W. Herbst hatte dem Theologen Wichern mehr musikalische wie textliche Kreativität als Liederbuch-Herausgeber zugetraut. Die Krone gebührt nun aber Friedrich Eickhoff. Der aus Soest gebürtige Lehrer war seit 1829 in Gütersloh tätig und, wie es sich für anständige Lehrer gehört, auch Organist an der Apostelkirche. An dieser Kirche wirkte von 1827 bis 1838 als Pfarrer Johann Heinrich Volkening (1796-1877), der dann von seiner folgenden Stelle in Jöllenbeck aus als Kopf der Erweckungsbewegung im Minden-Ravensberger Land fungierte. In Gütersloh wurde 1835 der Bertelsmann-Verlag gegründet, um den einschlägigen Literaturbedarf für diese (auch Dank billiger Massendrucke) wachsende religiöse Bewegung zu stillen. Theomele, von Herausgeber Eickhoff emphatisch „Dem Andenken Doctor Martin Luthers“ gewidmet, war einer der ersten Verkaufserfolge des Verlags. (Und Eickhoff heiratete um diese Zeit eine Tochter von Verleger Carl Bertelsmann.) Dass so ausgerechnet das katholisch-österreichische Stille Nacht (in theologisch verstümmelter Drei-Strophen-Version) mit zum Andenken des großen deutschen Reformators beitragen durfte, ist eine nette kleine Ironie der Geschichte…

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